Billionaires Blödsinn

Billionaires Blödsinn oder die Kunst des Gelingens

Von Gustav Bergmann 

Light Blue

Pivotal, welch schönes Wort, die Welt zu beschreiben. Voller Möglichkeiten im steten Wandel begriffen. Doch der Wandel wirkt bizarr. Die Autokraten scheinen zu siegen, die Zivilisation scheint zu verschwinden, weil alle Regeln und Institutionen, die ein Miteinander erleichtern, nun geschliffen werden. Im Kleide der Freiheitsapostel errichten die neuen Oligarchen eine Herrschaft der Manipulation,  Ausbeutung, Energieverschwendung in einem autoritären System, das libertinär heißt und zur Autokratie degeneriert. Der Blödsinn hat Methode: Diversity, equity, and inclusion, also Vielfalt, Gleichheit und Inklusion, sehen diese Unholde nicht als Lösung, sondern als Problem.

Derweil droht die Mitwelt zu kollabieren. Doch, keiner hat nichts gewusst, wir schwirren und schwadronieren mit Meinungen, wir bleiben die Antwort schuldig. Nur wenige scheinen etwas ändern zu wollen oder zu können. In der flüchtigen Moderne schwindet die Verantwortung. Kaum Einer ändert etwas, weil kaum keiner etwas ändert, was er ändern kann. Wir kennen es aus der Sozialpsychologie, je mehr potenzielle Helfer umherstehen, desto weniger wird gehandelt.

Wir schlittern in die Oligarchie, in der sich die legalen Plünderer und skrupellosen Gelegenheitsdiebe bereichern und die Demokratie erst kapern, dann demontieren. 

Wenn die Singulären antworten auf diese ungewissen, flukturierende, krisenhafte Zeit, dann mit einfachen, klaren, unterkomplexen Antworten. Das Kapital diktiert: Drill Baby drill, mehr desselben. 

Nur mit Plantagierung, binärem Rechnen, Fleißsystemen und räuberischen Eingriffen führt das zum Kollaps. Die reaktionär Autoritären denken eindimensional in ihrer Logik der Beherrschung und unterschätzen die Autonomie der Natur sowie die Eigengesetzlichkeit des Sozialen. Sie können das Unerwartete nicht managen, erkennen die zirkulären, paradoxen und dialektischen Prozesse in hoch komplexen Systemen der Mitwelt nicht. Sie stümpern machtvoll, wähnen sich einzigartig und auserwählt, doch wirkt es wie eine Chimäre der Hybris, wie ein Hirngespinst der Anmaßung.

Die Führer sind verführerisch, sie gaukeln vor und versprechen viel. Zum Beispiel Freiheit und Reichtum, verraten aber nicht, dass es es nur um sie selbst geht. Die flirrenden und irrenden Gedanken der Libertinären zielen auf das Singuläre, sie sehen nur Einzelne. Sie betreiben die umfängliche Kommodifizierung, alles, ob Arbeit, Land, Erfindungen, Wissen, Kunst etc. soll zur Ware werden. Alles unterliegt dem Nützlichkeitsdenken und soll den Vermögenden, dem Kapital zuarbeiten. Jeder kämpft für sich, es gilt keine Regel mehr, die die eigene Freiheit einschränken könnte. Sie saugten die Gedanken einer Ayn Rand auf, die den mitleidlosen Egoismus zum Heil für alle verkehrte und erleben nun das Resultat der Verwüstung der Gesellschaftlichkeit und Mitwelt, der moralischen Enthemmung und ruchlosen Bereicherung. Die Technooligarchen verbünden sich mit den fossilen Oligarchen und verweigern sich jeglicher Transformation zu einer mitweltgerechten Gesellschaft. Dabei müssen sich z.B. die russischen Oligarchen politisch zurückhalten und lassen das Regime dem grausamen Imperialismus frönen. Hier bremst keinerlei Opposition mehr das mörderische Treiben. Die Technooligarchen haben dagegen direkten Zugang zur politischen Macht, mit der sie alle Ressourcen erbeuten wollen. In allen autoritären Systemen expandieren sie, erbeuten imperialistisch, beanspruchen und kontrollieren. Sie treiben die Zerstörung der Lebensgrundlagen für ihre blöden Spiele voran, zerstören die Zivilisation für die ruchlose Anomie. Selbst in China erweist sich das Regime als eine Oligarchie der Milliardäre. Hier wird strategischer vorgegangen, es werden auch regenerative Energien gefördert und Klassenkompromisse geschlossen, die die aufstrebende Mittelschicht besänftigen sollen. Die Follower (insbesondere in der MAGA Welt) werden mit Nationalismus, fossilem Gedöns, mit Schüren von Ressentiments und Wut bei der Stange gehalten. Jeder Widerspruch wird als Provokation aufgefasst und mit Drohungen bekämpft. Jegliche Kontroverse, jeder Diskurs wird im Keim erstickt und sie eskalieren die Konflikte zum Kampf, statt die Chance der kollektiven Vernunft zu wahren. Auch hier könnte China als zwar brutal diktatorischer Staat, aber mit Weitsicht und ohne Beugung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, bessere Karten in der Hand halten.

In den USA wurde das Internet geboren und zwar aus einer Attitude der hippiehaften Freizügigkeit und Naivität. Es wurde als Mittel der Befreiung und Kreativität begrüßt, obwohl doch jeder wissen konnte, dass es militärischen Ursprungs war und sich das Kapital dieser positiven Anarchie bedienen würde. Spätestens mit der libertinären Dominanz Anfang der 1990er Jahre degenerierte das Internet zu einem skalierbaren System der linearen Vorhersehbarkeit. Es bringt die Menschen in Abhängigkeit, in Affeksteuerung und Vereinzelung, statt die großen Chancen des offenen Austausch, der kollektiven Klugheit zu nutzen. Als soziale Netzwerke gestartete Projekte wurden auf diese Weise zu kollektiven Affekterzeugern und Verhaltensprogrammierern. Autonomie denken diese Tech-Milliardäre nur als soziopathische Autarkie, die von der Mitwelt abstrahiert. Dumm nur, dass auch Superreiche auf andere Menschen und eine soziale Verbundenheit sowie eine intakte Natur angewiesen sind und ab gewissen Punkten auch die Follower ihr Gehirn wieder verwenden. Ja, sie sind sogar auf die Fähigkeiten und den guten Willen der Unterlegenen angewiesen. Sie horchen uns aus und manipulieren, können so aber kaum neue Erkenntnisse erzeugen, finden keine Begeisterung für Innovation, sondern ermüden alle, wollen Frauen, ja alles Andere exkludieren, kritische Geister sind ihnen abhold und wirken störend und so können sie sich nur mit brutaler Ausbeutung, Überwachung und Kontrolle an der Macht halten. Wer die Macht hat, braucht nicht zu lernen; wer nicht lernt, wird jede Macht verlieren. Sie wähnen sich allmächtig und verkennen die Dialektik der gar nicht so smarten Technologie. Sie wähnen sich autonom und autark und meinen die resilienten Unterstützersysteme funktionieren auf Befehl.

Das Modell der Ausbeutung, Extraktion und Aneignung kann zwar auf alle Bestandteile der Mitwelt angewendet werden, zerstört diese aber. Seltene Erden vom Mars und Energie aus dem fossilen Totenreich können nicht ausreichen, sind auch gar nicht mehr erreichbar oder erzeugen mehr neue Probleme, als sie alte lösen – die Strategie der Herrschaft wirkt primitiv und unterkomplex. Je tiefer sie graben, je heftiger sie Bohren und Pflügen und so eindimensionaler und monomanischer sie agieren, desto mehr verschlimmern sie.  Sie lehnen Vielfalt, Gleichheit und Inklusion ab und brauchen es immer mehr. Noch wird das Prinzip des Speiseaufzugs verwendet, die dienstbaren Geister können in den Keller verbannt werden. Doch selbst beim Dinner braucht es unterstützende Hände, insbesondere, wenn etwas schiefläuft. Der Kapitalist ist in der Regel der Mensch, der nicht übt und nicht arbeitet, infolge auch kaum Fähigkeiten aufbringt, die ihn aus unerwarteten Problemsituationen befreien kann. Sie liegen und leiden dann wie Käfer auf dem Rücken, bis sie jemand wieder in die passende Lage nudged. (dazu D. Loick 2024) Stupsen würde zu analog klingen. Dennoch arbeiten sie an Dienstsystemen und hilfreichen „autonomen“ Robotersystemen, für die vorher angeblich alle Kompetenzen hochgeladen wurden, das Weltwissen eingelesen und privatisiert werden soll. Die Abspaltung des Leids wird trotzdem nicht gelingen, denn auch in dieser Cyberwelt werden Menschen krank werden. 97 % der behindernden Krankheiten entstehen peri- oder postnatal, sind also nicht angeboren. Die Gene sind kaum für die Gesundheit und Lebenslänge verantwortlich, sondern die Lebensumstände, die gesellschaftlichen Bedingungen und der eigene Lebensstil. Besonders helfen aber die freundschaftlichen Beziehungen zur Mitwelt und die Gleichheit in der Gesellschaft. Also ganz anders, als sich die Libertinären sich eine Idealgesellschaft der Singulären basteln. Noch schlimmer für sie, dass die Ressourcen der Konvivialität und Kooperation für sie nicht verfügbar sind.

Noch sind die Technologien häufig die Weggefährten der Imperialisten, wie es besonders die Europäer im Kolonialismus grausam praktiziert haben. Es ging und geht im Imperialismus darum, Menschen zu beherrschen, zu entmenschlichen. Durch Automatisierung und unwürdige Praktiken der Ausbeutung soll dieser Prozess mit anderen Mitteln fortgeführt werden. 

Dazu Nature Studie: https://www.nature.com/articles/s41591-024-03483-9

Die Ungleichheit nimmt drastisch zu, weil die Kapitalisten über die Produktions- und andere Herrschaftsmittel verfügen, wie Überwachung, Ressourcen, Militär, Lobbyisten etc. Das zerreißt die Fäden der Gemeinsamkeit und führt zum Polylemma der Herrschenden. Hier würde es sehr helfen, dass sich die demokratischen Regierungen daran erinnern, dass die Konzerne auch Staaten brauchen, die ihr Eigentum schützen und insbesondere, dass man sie besteuern und regulieren kann. Dazu gibt es wirksame Mittel wie die Transaktionssteuer, die Vermögenssteuer und ganz gezielte Auflagen. (dazu Th. Piketty 2022)

Die Superreichen versuchen sich in ihren scheinbar autonomen und autarken Schutzburgen zurückziehen, sie erfahren dort keinerlei Liebe und Freude, sondern vielmehr Angst und Furcht. Sie erkennen ihre Unfähigkeit in Beziehungen zu leben, Freundschaft zu erfahren und eben unerwartete Probleme und Krisen zu überstehen. Sie müssen auch Angst vor ihren Schutztruppen haben und diese aufwändig bei Laune halten. Die werden dann aber mehr fordern, weil sie sich wiederum vor ihren Schutztruppen und Gegnern, Neidern etc. schützen müssen. Und alle können in einer dystopischen Welt nicht mehr bezahlt werden (Dazu D. Rushkoff 2025).

Die mitleidlose Welt des Hasses, der Gier und Unverantwortung führt dann in immensen Aufrechterhaltungsaufwand. Auch sind die Systeme der Gegnerschaft zur Mitwelt alle heillos unterkomplex und werden den Herausforderungen der verwobenen Welt nicht gerecht. In der Mitwelt zu agieren heißt, mit sich selbst zu agieren, alles steht in Beziehung und wirkt auf den Akteur zurück. Wie Anna Lowenhaupt-Tsing und andere beschreiben, müssen wir lernen, mit allen Elementen der Mitwelt umzugehen, sie zu Freund:innen zu machen, statt sie unterminieren zu wollen.

Wie kommt es aber dazu, dass die Agenten der Superreichen in Demokratien gewählt und die Strategien der Ungleichheit befürwortet werden? Wie kommt es zur Wahl der Unwürde, des Kampfes, der Regellosigkeit, wie zur Dreingabe der Mitmenschlichkeit? Was macht es zunächst so attraktiv?

Die neuen Technokapitalisten haben alle Karten dafür scheinbar in der Hand. Anreicherung der Verfügungsrechte, Beherrschung der Manipulationsmedien, Bekämpfung der Gewaltenteilung, Demokratie und Menschenrechte, die als Einschränkungen verkauft werden. Es wird abstrakt von Freiheit geredet, die formal gewährt wird und in ungleichen, anomischen Systemen sich jedoch gegen die meisten wendet. Dennoch kann erfolgreich die Illusion des Aufstiegs aufrechterhalten und die Mängel dem „System“ und den „linken und grünen Spinnern“ zugerechnet werden. 

Zudem werden die „neuen Medien“ eingesetzt, die Wut und die Ressentiments zu schüren, auf Randgruppen auszurichten und diese Marginalisierten zur Ursache allen Übels zu erklären. 

Die Gegenargumente aus Wissenschaft, vernünftiger Überlegung und Demokratie klingen dann viel zu kompliziert. Auch haben viele Demokraten die Bedrohung der Demokratie gerade durch kapitalistische Entgrenzung unterschätzt oder geleugnet.

Wir bestätigen unsere unzureichenden Ansichten in Milieus der Gleichartigkeit. Das Gehirn freut sich über kohärente, unsere Meinungen bestätigende Information. Je mehr wir in der analogen oder digitalen Welt in Bestätigungsgemeinschaften unterwegs sind, die keinerlei Andersartigkeit oder Differenz zulassen, desto weniger werden wir in der Lage sein, mit den Herausforderungen sinnvoll umgehen zu können. Die Probleme werden nur aufgehäuft und bisweilen auf andere abgelagert. Doch, wie auf der Kante der Möbiusschleife, rasen wir damit immer wieder zum Ausgangspunkt zurück und vertiefen die Krise.

Autarkie und Autonomie sind Fantasien der Superreichen, die sich jeder Gesellschaftlichkeit entziehen. Sie versuchen sich auf in den Meeren schwimmende Inselstaaten, in Wüsten und Resorts oder gar andere Planeten zurückzuziehen und sich dort mit eigenen Gesetzen, eigener Armee, den gewöhnlichen Menschen mit ihren Problemen und Ansprüchen zu entziehen. Die Prepper, welche zwar häufig den menschengemachten Klimawandel bestreiten, sich aber bemerkenswerterweise auf die Folgen vorbereiten wollen, spekulieren um Reservate der Eigengesetzlichkeit, denken, dass es möglich ist, irgendwo Schutzräume zu installieren, die ihnen große Freiheit ermöglichen. Doch müssen sie sich dafür einmauern und im Prinzip in diesen selbst geformten Gefängnissen alles selbst erzeugen (lassen). Nur von wem und warum sind alle solche Versuche gescheitert?

Einfache Fragen entzaubern diese Strategien der Techkapitalisten allerdings. Sie stehen nicht über oder außerhalb der Mitwelt, sie bleiben ein Teil, wenn auch ein Element mit erheblichen Verfügungsrechten über andere, mit Verschmutzungsrechten und einem Bazar der Regellosigkeit.

Sie werden Unheil anrichten und viele Menschen in Mitleidenschaft ziehen, sie werden Wunden schlagen und externalisieren, aber das gelingt nicht auf Dauer. Sie werden am Faktischen scheitern, auch wenn sie sichere Erkenntnisse verdrängen. Wahrheit holt jeden ein.

Wer also schützt diese Superreichen vor ihren Sicherheitskräften, wer baut die Lebensmittel an, die sie dort benötigen? Wer verhilft ihnen bei der Lösung diverser kleinerer Probleme der Technik? Wer schützt sie vor dem Zugriff von „Kollegen“ mit noch skrupelloseren Privatarmeen? Wer schützt ihr erbeutetes Privatvermögen, wenn es keine Rechtsstaaten mehr gibt, die das Recht auf Privateigentum absichern? Wer sichert die Kühlkette, während sie sich einfrieren lassen? Wer taut sie dann wieder auf? Wer holt sie vom Mars zurück, wenn die Vorräte aufgebraucht sind? Es sind wahnhafte Ideen von Transhumanisten, die in vielen Ländern die Macht ergriffen haben. Ihre Strategien sind unterkomplex und und nicht auf Dauer ausgerichtet, weil sie als Übersteigerung des räuberischen kapitalistischen Systems, sich selbst negieren.

Die unterkomplexen Versuche der Weltbeherrschung funktionieren nur temporär, allerdings mit grausamen Auswirkungen auf Viele. Sie sind zum Scheitern verurteilt, weil es in der verwobenen Mitwelt kein Außen gibt, insofern auch keine wirkliche Autarkie oder Autonomie. Der extreme Individualismus der selbsterklärt Einzigartigen, führt zu Illusion, also auf den Irrweg der Isolation.

Es erscheint wie die Denkweise des Schutzgelderpressers, der alle zwischenmenschlichen Beziehungen auf einen Deal, eine im Machtgerangel erzeugte Vereinbarung reduziert, dann aber jede Nacht mit einem Auge wach bleibt, weil er seine zahlreichen Gegner, Neider und Diener fürchten muss. Tagsüber lauert das Misstrauen unter den gierigen, narzisstisch gekränkten Akteuren.

Wenn Menschen sich wirklich auf eine unbestimmte, substanzielle ungewisse Zukunft vorbereiten wollen, dann wäre das deutlich anders zu konzipieren. Ethik spart Transaktionskosten. Wenn sich alle weitestgehend an Regeln halten funktioniert das Miteinander (nicht nur im Straßenverkehr) erheblich leichter. Das ist ja gerade der wesentliche Vorteil einer gelungenen Zivilisation. Wir ersparen uns den täglichen Kampf um Anerkennung und Rechte, wir zähmen uns gegenseitig zum Vorteile aller. Wissen, Fähigkeiten können nur gemeinsam entwickelt und vermehrt werden. Die Autokraten werden nie Klavierspielen oder verzwickte Probleme lösen können, weil man dazu üben muss und es am besten von und mit anderen erlernt. Eine Absicherung des eigenen Lebens geschieht natürlich besser in guter Nachbarschaft, als im Aufbau von Wehranlagen und Bunkern. Die Welt ist eine dynamisch komplexes Gefüge, in der es kaum Eindeutigkeiten und Klarheit gibt.

Die Metakompetenz, also die selbstorganisierte Fähigkeit mit allen möglichen Problemen und Herausforderungen klar zu kommen, entsteht aus intensiver Zusammenarbeit diverser Akteure, der Einbindung möglichst vieler unterschiedlicher Menschen mit pluralen Erfahrungen und Fähigkeiten. Die Komplexität und Kontingenz kann der Mensch nicht ausschließen oder beherrschen, sondern nur kollaborativ behandeln. Das jeweilige soziale System, also eine kommunikative Struktur größerer Intensität, muss intern der Komplexität entsprechen, die es bewältigen will. Identitäre und hierarchische Systeme sind dazu gerade nicht in der Lage.

Die Denkweise der Beherrschung führt in tiefere Sackgassen des Denkens und Handelns. Es existieren keine einfachen Ursache- Folge oder Zweck- Mittel Systeme, sondern wir sind in der Mitwelt in einem mannigfachen zirkulären Gefüge eingewoben. Monokultur, Plantagierung, Industrialisierung sind Voraussetzungen der Beherrschung, führen aber zu immer größeren Krisen, weil die Welt komplizierter ist, weil sich diese primitiven Systemen als zu starr, informationsarm und nicht anpassungsfähig erweisen. (dazu S. Straupp) Es wird zirkulär zu denken sein, es sind sehr langfristige Überlegungen einzubeziehen und die Erfahrungen Vieler können uns lehren. 

Zirkuläre Systeme genügen sich selbst, entwickeln sich, sammeln Erfahrung und werden robuster. Durch Vernetzung stabilisieren sie sich gegenseitig und betreiben Risikostreuung. Auch die Lernfähigkeit und Kreativität ist maßlos größer, da es eine gemeinsame Freiheit ist. Das Gehirn läuft zu kreativer Form auf, wenn es zahlreiche unterschiedliche Gedanken aufnimmt, also im Dialog mit anderen tritt, die andere Auffassungen und Sichtweisen arbeiten. Kaum etwas bringt das Gehirn auf neue Gedanken, als die Konfrontation mit anderen Ansichten und Meinungen.

Eine Information entsteht immer aus Differenzen, aus Unterschieden. Die Identität und Gleichförmigkeit, die erzwungene Harmonie verhindert Kreativität und Lernen. Konformität, wie in autoritären Systemen zu beobachten, verringert die Möglichkeiten, lässt das System verarmen und weniger responsefähig machen. Mit wuchtiger Macht ist es scheinbar aufrechtzuerhalten, allerdings nur, bis es von den Rändern her zusammenbricht.

Noch geschieht die Aneignung durch Verschmutzung, die Autokraten und Oligarchen versuchen es sich unter die Nägel zu reißen und dort sieht es nicht nur schlecht aus. Die Beraubung und Abtrennung kann in einer verwobenen Welt nicht gelingen. Weder existieren wir autonom und autark als Individuen, noch sind Systeme so am Leben zu erhalten.  Wachstum führt nicht zu mehr Wohlstand, sondern braucht ihn auf. Das Naturkapital wird zerstört und es werden nur die wenigen Kapitalisten reicher, im rein materiellen Sinne. Dr. No ist sehr einsam und letztlich erfolglos. Alles ist Beziehung und Austausch. Wir sind Mitwesen in einer Mitwelt, wir in-sistieren, wir leben mit und sind Teil des Ganzen, untrennbar und niemals ex-. Es ist ein Mitsein. Ein être avec, wie es Jean Luc Nancy gesagt hat. Wir leben singulär plural, dabei bedingt die Singularität das Plurale und anders herum. Mit Lowenhaupt- Tsing kann es auch mit Friktionen beschrieben werden, die durch die Reibung der unterschiedlichen Phänomene entstehen, nicht so sehr als Konflikte oder Kämpfe, sondern als Diskurs und gegenseitiges Lernen.

Robert Musil schenkte uns in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ den Möglichkeitssinn, sagte aber auch die Verheerungen des Kapitalismus voraus, die besonders daraus entstehen, dass die Welt durch Gewährenlassen ihre größten Verbrechen gebiert. Wir haben ein kollektives Nervensystem, unsere Gehirne sind soziale Organe, die besonders gut gemeinsam funktionieren und in der Vernetzung gewaltige Probleme lösen können.

Näheres dazu in der berühmten Netzwerkstudie des Soziologen Ron Burt von 2004.: https://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/421787

Es entsteht Metakompetenz aus dem Zusammenwirken, nicht aus der Trennung und dem Herausheben einiger Genies. Es entstehen kollaborative Systeme der Resilienz und die Möglichkeiten weiten sich aus, insbesondere, wenn das gerechte Zusammenwirken geregelt ist.

In vielen Bereichen nähern wir uns dem Kollaps und damit dem Systemversagen. Das bedeutet nicht Apokalypse und totales Chaos, sondern, dass bisherige Wege nicht weiter bestritten werden können, dass das Beharren tiefer in die Probleme führt und neue Wege entstehen, wenn wir versuchen gemeinsam neue Perspektiven zu eröffnen. Dazu braucht es aber das Gegenteil von Beherrschung und Konzentration der Macht, nämlich soziale Freiheit und intensives Zusammenwirken in der Mitwelt. Die Zeit der bitteren Rückwendung zur Gewalt und Autokratie wird ihr Ende finden, auch dadurch, dass wir soweit wir irgend können, das Spiel nicht mitspielen, uns verweigern und dem Leben zuwenden. Die Subalternen der Weltgesellschaft können ihre gemeinsamen Interessen und Fähigkeiten bündeln, ihren direkten Zugang zur Welt erkennen und damit die Herrschaft der Oligarchen verkürzen. Pivotal wendet sich die Szenerie zur Mitweltgesellschaft, weil Viele ihre Wirksamkeit im Miteinander erkennen. Nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich wird dann eine Kunst des Gelingens der Großgesinnten entstehen.

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Ein paar Wege zum Weiterdenken:

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Fünf Bände (1925), Online 2022

Daniel Loick: Die Überlegenheit der Unterlegenen, Berlin 2024

Anna Lowenhaupt- Tsing: Friktionen. Berlin 2025

Jean Luc Nancy: Singulär plural sein, 2004 

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, München 2022

Douglas Rushkoff: Survival of the Richest, Berlin 2005

Simon Straupp: Stoffwechselpolitik, Suhrkamp 2024

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Light Blue G. Bergmann

Leinöl und Naturpigmente, 2024

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